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Die Demokratie des Machens: Warum Stanfords umstrittenste Pädagogin glaubt, dass alle falsch liegen über Kreativität

Stanford's d.school hat ein radikales Lehrprinzip: Menschen absichtlich scheitern lassen. Sarah Stein Greenberg zeigt, warum Emotionen, Ambiguität und Empathie keine Hindernisse, sondern Treibstoff für Kreativität sind.

Baldin & Friends Team22. September 20255 min Lesezeit
Die Demokratie des Machens: Warum Stanfords umstrittenste Pädagogin glaubt, dass alle falsch liegen über Kreativität

Die Demokratie des Machens: Warum Stanfords umstrittenste Pädagogin glaubt, dass alle falsch liegen über Kreativität

Stanford's d.school hat ein ungewöhnliches Lehrprinzip: Erfolgreiche Profis, brillante Studierende und erfahrene Führungskräfte werden in Situationen gebracht, in denen sie unweigerlich scheitern.

Sarah Stein Greenberg, seit 2014 Geschäftsführerin der d.school, knüpft damit an eine provokante Einsicht an:

"Sell your expertise and you have a limited repertoire. Sell your ignorance and you have an unlimited repertoire."
– Richard Saul Wurman über Charles Eames

In ihrem Buch "Creative Acts for Curious People" zeigt sie, dass Neugier und Nicht-Wissen oft wirksamere Ressourcen sind als Expertise. Denn Expertise bringt Routine – aber auch Scheuklappen.

Buchcover: Creative Acts for Curious People


Kreativität ist nichts, was man "lernt"

Die meisten Kreativitätstrainings behandeln Menschen wie Gefäße, die man mit Methoden füllen muss. Greenberg dreht das um:

"Alle kommen mit der Erwartung, dass wir sie mit Ideen füllen werden, aber was wirklich passiert ist, dass sie einen Einblick in ihren eigenen Einfallsreichtum und ihre Belastbarkeit bekommen."

Sie lehrt keine Kreativität – sie deckt sie auf. Über 80 Übungen im Buch zerstören gängige Mythen.

Ein Beispiel: Beim "Test des Schweigens" präsentierst du einen Prototyp – und sagst nichts. Keine Erklärung, keine Verteidigung. Beobachte nur, wie andere damit ringen. Wenn deine Arbeit Erklärungen braucht, funktioniert sie nicht.


Warum Gefühle das Denken schärfen

Emotionen gelten oft als Störfaktor im rationalen Denken. Neurowissenschaftlerin Mary Helen Immordino-Yang hält das Gegenteil fest:

"Es ist neurobiologisch unmöglich, tief über Dinge nachzudenken, die einem egal sind."

Mary Helen Immordino-Yang, Neurowissenschaftlerin

Gefühle steuern Aufmerksamkeit, Wahrnehmung, Gedächtnis und Problemlösen.
Ein funktionales Feature, das keine Emotion auslöst, bleibt bedeutungslos. Ein kleiner Frustmoment dagegen kann den gesamten Eindruck prägen.


Das Tal der Verzweiflung

Jeder kreative Prozess kennt Tiefpunkte. Designer nennen sie das "Valley of Despair" – Momente, in denen alles falsch wirkt und Aufgeben naheliegt.

Greenberg interpretiert diese Gefühle als Hinweis:

"Wenn du im Tal leidest, zeigt dir das, dass die Arbeit komplex genug ist, um deine volle Aufmerksamkeit zu verdienen."

Valley of Despair

Einfaches verursacht kein Ringen. Bedeutendes schon. Wer durchhält, erlebt oft einen Wendepunkt – plötzlich klärt sich das Chaos, und eine Lösung taucht auf.


Drei Werkzeuge, die sofort helfen

Viele sagen: "Ich habe keine Zeit für Experimente!" Doch Greenbergs Methoden sind keine Zeitfresser, sondern Abkürzungen. Drei Tools lassen sich sofort einsetzen:

1. Probleme in einen neuen Rahmen setzen: How Might We-Fragen

Statt den Fokus direkt auf's Problem zu lenken mit "Wie lösen wir X?", einen Schritt zurücktreten und fragen: "Wie könnten wir Y gestalten, damit X passiert?", wobei Y ein Zustand vor dem bisherigen Problem X ist.
Diese Form der Fragestellung öffnet den Raum für neue Wege und Entdeckungen.

Aus der Frage, "Wie können wir die Conversion Rate erhöhen" wird etwa: "Wie könnten wir die zwei riskantesten Momente vor dem Kauf so gestalten, dass Zweifel gar nicht erst entstehen?"

2. Mit Ambiguität bewusst umgehen

Ambiguität, also Mehrdeutigkeit, ist nicht dasselbe wie Unsicherheit. Ist etwas Unsicher, gibt es möglicherweise eine "richtige" Antwort, die nur noch unbekannt ist. Bei Ambiguität dagegen ist vieles unklar, unvollständig, mehrdeutig, etc. D.h. die Deutung ist nicht eindeutig und es gibt möglicherweise mehrere Lösungen.

Das kann frustrierend wirken, aber genau darin liegt die Chance für kreative Lösungen. Es werden drei typische "Standardhaltungen" im Umgang mit Ambiguität unterschieden:

  • Endure (aushalten) – Ambiguität ertragen, bis sie vorbei ist
  • Engage (erkunden) – bewusst hineinspringen, um Verständnis zu entwickeln
  • Embrace (annehmen) – Ambiguität als Ressource für neue Möglichkeiten nutzen

Um herauszufinden, welche Haltung die eigene ist, und um flexibler zu werden, hat Greenberg eine einfache Übung entwickelt. Die Idee besteht darin, eine Metapher zu bilden, die der Ambiguität in der eigenen Situation entspricht.

  1. Metapher bilden

    • An eine persönliche, mehrdeutige Erfahrung denken (unklare nächsten Schritte, widersprüchliche Wege, offener Ausgang).
    • Formulieren: "Ambiguität ist wie ___, weil ___“.
    • Beispiele: "wie dichter Nebel, weil ich gezwungen bin, langsamer und aufmerksamer zu gehen" oder "wie ein Ozean, weil ich nie weiß, was unter der Oberfläche ist".
    • Frage dich: Wie hast du dich in dieser Situation gefühlt? Wie hast du reagiert? Warum?
  2. Bedeutung entschlüsseln

    • Drei typische Haltungen erkennen:

      • Endure – Ambiguität ertragen, bis sie endet
      • Engage – aktiv erkunden
      • Embrace – als Chance sehen
    • Reflektieren: Welche Haltung steckt in meiner Metapher? Wie flexibel und offen bist du gegenüber der Ambiguität?

  3. Kontext beachten

    • Die eigene Haltung bezüglich der Mehrdeutigkeit kann je nach Situation wechseln (Arbeit, Privatleben, Karriere).
    • Es lohnt sich, Unterschiede im eigenen Verhalten über Zeit und Kontext hinweg zu beobachten.

Ambiguitätsmodell nach Greenberg

Solche Metaphern helfen, die eigene Standardhaltung zu erkennen. Wer merkt, dass er eher zum Aushalten oder zum vorschnellen Entscheiden neigt, kann gezielt gegensteuern – z. B. mehr Optionen sammeln oder kleine Experimente wagen.

3. Five Chairs: Denken mit Dingen (statt endloser Diskussionen)

Stein Greenberg schlägt vor, eine Methode des "Denkens mit Dingen" auszuprobieren um Ideen greifbar zu machen, bevor sie vollständig geformt sind. Ihre "Fünf Stühle"-Übung zwingt dich, dasselbe Konzept mit fünf verschiedenen Materialien zu bauen: Pappe, Pfeifenreiniger, Ton, Kaugummi und Zahnstocher. Jedes Material zwingt dich zu anderen Entscheidungen und macht damit andere Qualitäten sichtbar.

So geht’s in 12 Minuten (Solo oder Team):

  1. Papier + Stift (2′): Skizziere den „Stuhl deiner Träume“ – exakt auf deine Bedürfnisse zugeschnitten.
  2. Karton + Schere (2′): Baue ein Mini-Modell. → Oberflächen/Flächen rücken in den Fokus.
  3. Pfeifenreiniger (2′): Gleiche Idee als Drahtkonstruktion. → Linien/Tragwerk.
  4. Modelliermasse (2′): Forme Volumen. → Masse/Form, Ergonomie.
  5. Kaugummi/Haftmasse + Zahnstocher (2′): Stecke Verbindungen. → Fügestellen/Strategie.

Zwischen den Runden (kurz anhalten): Stelle alle Varianten nebeneinander – gern nach Material sortiert. Stelle dir/euren vier Fragen:

  • Was war anders an dieser Iteration?
  • Was hast du verändert – und warum?
  • Welches Material hat am meisten/wenigsten Spaß gemacht?
  • Welches Material trifft die Essenz deiner Idee am besten – und warum?

Verschiedene Materialien legen verschiedene Aspekte deiner Idee offen. Pappe zeigt Oberflächen. Pfeifenreiniger enthüllen Struktur. Ton zwingt dich, Masse und Form zu berücksichtigen. Jede Beschränkung löst Einsichten aus, die du durch abstraktes Denken allein nicht erreichen könntest.

Empathie als Booster für Kreativität

Eine Formel sagt mehr als tausend Worte. 😜

Motivation × (Perspektivübernahme + Prosoziale Motivation) = Mehr Kreativität.

Motivationsmodell nach Grant & Berry

Die Idee ist folgend: Wir sind intrinsisch motivierter, ein Problem zu lösen welches es notwendig macht, kreativ zu sein. Der Effekt der Motivation und der Enabler nach einer noch kreativeren Lösung zu suchen, wird aber noch verstärkt durch:

  1. Erfahrung teilen - fühlen, was andere fühlen,
  2. Perspektive übernehmen - verstehen, was andere denken
  3. Prosoziale Motivation - anderen helfen wollen

Die Forschung von Adam Grant und James Berry hat gezeigt, dass das Übernehmen der Perspektive anderer dich nicht nur verständnisvoller macht, es macht dich kreativer und lässt dich wahrscheinlich länger durchhalten. Wenn du wirklich anderen helfen willst, dann bist du motivierter, eine kreative Lösung zu finden.


Warum nun der Titel, die "Die Demokratie des Machens"?

Greenbergs Ansatz ist zutiefst demokratisch: Da kreatives Problemlösen und Kreativität kein Privileg ist oder eine besondere Begabung erfordert, sondern eine Fähigkeit ist, die jeder trainieren kann, wie ein Sportler seinen Körper trainiert.

Die d.school bringt Menschen aus allen Disziplinen zusammen – Ingenieure, Künstler, Unternehmerinnen, Pädagogen – und zeigt: Innovation entsteht durch Vielfalt, Scheitern und gemeinsames Lernen.

Das ist die Demokratie des Machens: Jeder, der bereit ist, sich auf Unsicherheit einzulassen, kann Teil kreativer Prozesse werden.

Das Hindernis ist also selten mangelndes Talent – sondern die eigene Überzeugung, nicht kreativ zu sein. Kreativität ist ein Muskel. Er wächst, wenn man ihn benutzt und den Mut aufbringt durch Experimente und Fehler zu lernen und zu wachsen.

Ein schönes Zitat aus dem sehr zu empfehlenden Buch "Creative Acts for Curious People" zum Abschluss:

Wie wir sind, ist das, was entsteht. – Barry Svigals

Wir wollen mehr davon!

Das war ja klar! 😉

Wenn du mehr über Kreativität, Design Thinking und Innovationsmethoden erfahren möchtest, schau dir unbedingt die Tools-Sammlung auf https://dschool.stanford.edu/innovate/tools an. Dort findest du viele praktische Anleitungen und Konzepte zu jedweden Themen rund um Kreativität und Innovation.

Großartig, dass es solche Ressourcen gibt!

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